Wir sind im Showgeschäft

Museumsausstellungen und Spannung

Keynote, gehalten auf der HELGA 2025 (Schweizer Fachtreffen für Szenografie und Kommunikation im Raum), im mudac – Musée cantonal de design et d’arts appliqués contemporains (Lausanne)

Ich bin Expertin für Spannung. Deshalb beginne ich mit einer Langeweile. Der Langeweile, die ich oft spüre, wenn ich in Ausstellungen gehe.

Ich bin seit fast dreißig Jahren als Kuratorin unterwegs, ich habe sehr viele Ausstellungen gesehen, und natürlich ist es nicht leicht, mich zu überraschen. Also eine Art déformation professionnelle. Aber einmal davon abgesehen. Heute soll es um den Grund für meine Langeweile gehen, den ich viel schwieriger zu fassen bekomme, der mich aber schon lange umtreibt.

Es geht mir nicht darum, auf andere Ausstellungsmacher:innen zu zeigen. Es geht mir um das eigene Ringen darum, eine gute Geschichte zu erzählen. Eine Ausstellung zu kreieren, die andere Menschen etwas angeht, sie nicht kaltlässt, etwas bei ihnen in Bewegung setzt, sie berührt oder sie fröhlich ein Liedchen pfeifen lässt.

Es soll um die Grenze gehen, die ich denke, überschreiten zu müssen, immer häufiger und immer mutiger, um zu einer guten, einer besseren Geschichtenerzählerin zu werden.

Zu diesem Zweck möchte ich euch, möchte ich Ihnen von Momenten erzählen, die mich persönlich in meinem Suchen weitergebracht haben. Ich habe diesen Vortrag als Einladung verstanden zu versuchen, diese Punkte sinnvoll miteinander zu verbinden. Vielleicht gewinnt das, worum ich ringe, dadurch schärfere Konturen – wir werden sehen.

Moment Nr. 1

Vor etwa zehn Jahren hielt ich am Stapferhaus in Lenzburg einen Vortrag. In einer Kaffeepause erzählte ich einer Kollegin, dass ich die Ausstellungen in den Niederlanden spannender finden würde als die deutschen. Ich hatte um die Jahrtausendwende an der Reinwardt Akademie in Amsterdam einen Kurs in Ausstellungsdesign besucht und die Gelegenheit genutzt, viele Museen anzuschauen. Ich war absolut begeistert gewesen.

Warum, fragte sie. Ich hatte keine Antwort parat. Mir war nur dieses Gefühl der Begeisterung geblieben. Also fuhr ich noch einmal hin, um herauszufinden, was genau mich damals so gepackt hatte. Und fand es nicht mehr. Es war verlorengegangen. Im Professionalisierungsprozess auf der Strecke geblieben.

© Seven.One Entertainment Group GmbH/joyn

Professionalisierungsprozess: Jamie-Lee Kriewitz‘ erster Auftritt bei „the voice“…

© Getty Images

… und ihr Auftritt beim Finale, drei Monate später

Ich erinnerte mich noch dunkel an eine Ausstellung im Theatermuseum Amsterdam, ganz aus Sperrholz gebaut. Heute nichts Besonderes, damals eine Revolution. Oder das Kindermuseum des Jüdischen Historischen Museums, in dem ich mit heißen Wangen herumgelaufen war, durch eine Art Wohnung, in der Küche hatte ich mit anderen Besucher:innen Matze gebacken.

Messy.
Nicht glatt, nicht geleckt, nicht perfekt. Rumpelig, splitterig.

Messy, dieses Wort bringt am besten zum Ausdruck, was damals etwas in mir zum Schwingen gebracht hatte – und was ich nun nicht wiederfand.

Moment Nr. 2

Als ich begann, Geschichten zu erforschen, entdeckte ich die Schriften von Mieke Bal. Der Kulturwissenschaftlerin, die eigentlich von der Erzählwissenschaft her kommt und sich intensiv mit Ausstellungen auseinandergesetzt hat. Ich führte buchstäblich einen Freudentanz auf, weil ich eine Schwester im Geiste gefunden hatte, die, wie ich, Ausstellungen konsequent als Geschichten versteht.

Bei Bal stieß ich auf einen Satz: „Risiko: die Bereitschaft, Verlusten ins Gesicht zu blicken und das Gesicht zu verlieren, ist bei jedem akademischen Unterfangen unentbehrlich.“ (Mieke Bal: Kulturanalyse, hg. von Thomas Fechner-Smarsly u. Sonja Neef, Frankfurt/M. 2006: S. 71)

Vereinfacht: Wissenschaft bedeutet den Mut, das Gesicht zu verlieren.

Das ist wichtig!

Damals war ich noch unsicher, ob ich Ausstellungen tatsächlich mit Hollywoodfilmen vergleichen sollte. In Lenzburg, zum Beispiel, sagte ein Kollege nach meinem Vortrag, das könne man doch nicht machen! So hat er es nicht gesagt, aber das war die Botschaft. Hollywoodfilme seien doch ideologisch aufgeladen, würden ein bestimmtes, in sich geschlossenes Weltbild vermitteln, eine allgemeingültige Wahrheit suggerieren. Ausstellungen hingegen, gerade durch ihre Brüchigkeit, seien hervorragend geeignet, verschiedene Meinungen zuzulassen, wollten bewusst Leerstellen und Denkanstöße produzieren.

Solche Kommentare verunsicherten mich damals.

Und dann stieß ich auf diesen Satz:

Wissenschaft bedeutet den Mut, das Gesicht zu verlieren.

Ich verstand, dass ich mich auf den Erkenntnisgewinn konzentrieren musste, den ich mir von diesem Vergleich versprach. Ich hoffte, dass gerade, weil Hollywoodfilme und Ausstellungen so verschieden sind, ich die Geschichtenhaftigkeit von Ausstellungen besser verstehen würde. Das ist tatsächlich eingetreten, aber das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher wissen.

Der entscheidende Punkt war, mich nicht danach zu richten, was meine Kolleg:innen dachten. Wir sind alle soziale Wesen, und es ist mir überhaupt nicht egal, was andere von mir denken. Aber ich versuche, mich in meiner Arbeit nicht danach zu richten.

Moment Nr. 3

Ich wurde eingeladen, damit beauftragt, in Italien, in Südtirol, ein Museum mit aufzubauen. Ein Hausmuseum, eine alte Villa (die „Villa Freischütz“, das Museum gibt es jetzt seit sechs Jahren), in der ein sehr reicher Kunstsammler gewohnt hatte.

Die Auftraggeberinnen und ich wir waren uns einig, dass es ein lebendiges Museum werden sollte. Aber ich hatte zuvor noch nie ein Hausmuseum kuratiert, also orientierte ich mich an den Standards und verbrachte viel Zeit damit, die ursprüngliche Nutzung zu rekonstruieren. In einer Tagebuchnotiz war der Winkel des Sonneneinfalls am frühen Morgen beschrieben – hatte dort das Bett des Sammlers gestanden? Usw. usf.

Und dann entdeckte ich die „Hausmuseums-Anarchisten“, vor allem Franklin Vagnone. Das war für mich mind-blowing und veränderte meine Arbeit stark. Den entscheidenden Moment fand ich in Vagnones Blog. Dort veröffentlicht er seine „One-Night-Stands“: er lässt sich von Hausmuseen einladen und verbringt dort eine Nacht, recherchiert zum Haus und zur Umgebung und beschreibt dann seine Eindrücke, eng verwoben mit seiner persönlichen Geschichte.

Es gibt den einen Bericht zum Kew Palace in London. Vagnone beschreibt, wie er durch die prächtigen, perfekt gepflegten Gärten wandelt und dann zum Palast kommt, mit seinen verwitterten Räumen. Er schreibt: „…das Haus durfte ehrlicher sein [ehrlicher als die Gärten, meint er] und uns, die Besucher, mit Respekt behandeln. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Palast versuchte, etwas zu sein, was er nicht war…“ (https://twistedpreservation.com/2018/09/28/one-night-stand-poetry-of-four-pears/)

Diese Sätze drücken für mich aus, was es bedeutet, auf Augenhöhe mit den Besucher:innen zu sein: nämlich nicht zu versuchen, etwas anderes darzustellen als ich tatsächlich bin. Nicht schlauer, nicht gebildeter, aber auch nicht uninformierter als ich bin.

Moment Nr. 4

Ich weiß nicht, wer von euch und Ihnen das Quiz „Wer stiehlt mir die Show?“ kennt? Ich bin dort eines Tages zufällig auf YouTube hineingeraten, fand es so semi-spannend, aber wie es so ist, habe ich weitergeschaut. Das Prinzip ist, dass der Gewinner oder die Gewinnerin Joko Winterscheidt, dem Quizmaster, die Show stiehlt und das nächste Mal dann selbst moderiert, ganz so, wie er oder sie es möchte.

Wie gesagt, ich fand das alles eher weniger spannend – bis Olli Schulz in der vierten Staffel die Show gewonnen hat. Olli Schulz, der Sänger, auch bekannt von seinem Podcast mit Jan Böhmermann. Die Sendung hat mich umgehauen. Ich dachte wirklich, jetzt wird das Fernsehen revolutioniert. Das ist zwar nicht passiert, aber in dem Moment war ich wie elektrisiert.

© Seven.One Entertainment Group GmbH/joyn

Deshalb, weil Olli Schulz die Sendung so persönlich moderiert hat, so nahbar war. Wir haben nichts aus seinem Leben erfahren, das meine ich nicht mit „persönlich“. Aber ein Grund war, dass er sich mit seinen Unzulänglichkeiten gezeigt hat: sein Anfangsauftritt brachte ihn völlig aus der Puste, ihm fiel das Mikro aus der Hand, er gab zu, den Teleprompter nicht lesen zu können. Das bedeutet nicht, dass er das Ganze unprofessionell gestaltet hätte. Er war zum Beispiel wahnsinnig gut vorbereitet, was die anderen Kandidat:innen angeht und stellte ihnen viele unterhaltsame Fragen zu ihrer Arbeit usw.

Erst jetzt – ich habe mir die Sendung für die Keynote noch einmal angeschaut – habe ich begriffen, was diese Nahbarkeit und das Großartige noch ausmachte. Olli Schulz hat die Sendung wie eine große Reminiszenz ans gute alte Fernsehen gestaltet. Er hat seine Liebe fürs Fernsehen mit hineingetragen in seine Perfomance, mit voller Wucht, und an das Publikum weitergereicht.

Das führt mich zum letzten Moment, den ich mit Ihnen und euch teilen möchte.

Moment Nr. 5: Die Briefe von Van Gogh.

Oder besser, wie Brenda Ueland, Autorin und Lehrerin für kreatives Schreiben, sie in „If you want to write“ (1938/2007) beschreibt. Ueland wollte verstehen, worin der kreative Impuls, die Motivation für künstlerisches Schaffen besteht. Im Fall von Van Gogh sei das seine Liebe zu den Menschen gewesen und seine Liebe zu den Dingen. Sie erzählt von einem Brief, den er an seinen Bruder Theo schrieb. In diesem beschreibt Van Gogh die Abenddämmerung und wie schön eine Straßenlaterne und ein Stern aussehen würden – und dann zeichnet er Laterne und Stern auf das billige Briefpapier.

© Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Stichting)

Hier ein Brief von Van Gogh mit einer gezeichneten Zikade

Ueland schreibt, zuvor hätte sie gedacht, beim bildnerischen Arbeiten müsse man die verschiedenen Schulen kennen, die Traditionen studieren, das Ganze sehr ernst nehmen und versuchen, „interessante Ebenen“ in ein Gemälde zu bringen – auf die Konventionen achten.

Jetzt verstand sie, was Kunst wirklich ausmacht: ein Gefühl der Liebe und der Begeisterung für etwas zu spüren und dieses auf direkte, einfache, leidenschaftliche und wahrhaftige Art und Weise auszudrücken. Die Schönheit der Dinge anderen zu vermitteln – in diesem Fall durch das Zeichnen.

Im Fall von Olli Schulz durch das Moderieren einer Quizshow.


Es gibt eine Beschreibung, die ich irgendwo einmal gehört habe, wie Ausstellungen verstanden werden können: als Bühne, auf der die Personen von damals ihre Requisiten vergessen haben. Für mich funktioniert dieses Bild wahnsinnig gut.

Denn beim Storytelling mit Ausstellungen geht es darum, die Personen wieder auf die Bühne zurückzuholen. Zu zeigen, wie sie agieren und sich zueinander verhalten (auch mit Hilfe von Objekten, aber mir geht es hier vor allem um die Handlung, das Drama).

© Deutsche Fotothek (Fotograf: Abraham Pisarek)

Man kann die Figuren abstrakt darstellen, als Stellvertreter:innen für gesellschaftliche Verhältnisse, als Metaphern für ich weiß nicht was. Dann wird man ein eher kleines Publikum ansprechen, das Freude hat an der intellektuellen Entschlüsselung, an der Entzifferung der Chiffren.

Will man aber ein breites Publikum ansprechen, ein vielfältiges – dann hilft es, die Figuren als Menschen darzustellen. Als wundervolle Menschen, mutige Menschen, von denen wir uns eine Scheibe abschneiden wollen, aber auch als ängstliche, unvollkommene Menschen, denen das Mikro aus der Hand fällt, die Fehler machen und von Zweifeln geplagt sind. Denn so kann sich dieser einzelne Zuschauer und diese einzelne Zuschauerin mit dem, was dort oben auf der Bühne passiert, verbinden: Was werden die da oben als Nächstes tun? Was haben die dort, von denen ich in der Ausstellung erfahre, dann erlebt? Das bedeutet Spannung.

Und es hilft, wenn das Leben gezeigt wird, wie es wirklich ist, nämlich messy. Rumpelig und splitterig, und nicht geleckt und nicht perfekt. Weil das Leben von uns allen nicht perfekt ist. Das ist eine Frage des Respekts vor dem Publikum, so meine ich.

Und wenn wir so ein Stück inszenieren, dann sollten wir uns nicht fragen „WIE MAN DAS MACHT“, wir sollten unser Handwerk beherrschen, es jederzeit wie ein Schweizer Taschenmesser in der Hosentasche parat haben. Aber wenn wir es einsetzen, sollten wir unsere Kolleg:innen, „die Fachwelt“ ausblenden und uns nur am Erkenntnisgewinn orientieren, den das Publikum aus der Inszenierung ziehen könnte.

Und dafür können wir uns fragen, was uns, als Macher:innen, das Ganze bedeutet. Worüber stolpern wir? Was begeistert uns? Wo sitzt unser Zorn? Welche Frage bleibt für uns offen? Das schwächt in keinster Weise unsere Professionalität. Im Gegenteil – es macht uns zu guten Geschichtenerzähler:innen.

Geschichtenerzählen bedeutet den Mut, das Gesicht zu verlieren.

Ausstellungsmachen bedeutet den Mut, das Gesicht zu verlieren.

© Musée cantonal de design et d’arts appliqués contemporains

Storytelling für Ausstellung im Frauenmuseum

Ausstellungsflyer

Ab dem 17. November 2025 ist im Frauenmuseum Meran eine besonders wichtige Ausstellung zu sehen: sie widmet sich Spuren sexualisierter Gewalt in Südtirol. Basierend auf den Ergebnissen des Forschungsprojektes TRACES entwickelte ich eine fiktive Familiengeschichte, die die Wirkweise von transgenerationalen Traumata vermitteln soll.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich für die Zusammenarbeit mit Sissi Prader (Frauenmuseum Meran), Angelika Fleckinger und Daniela Gruber (Universität Trient), Christa Ladurner und Ingrid Kapeller (Forum Prävention), Franziska Heiß (i-kiu Design) und Monika Hauser (medica mondiale) bedanken: sie hat mich persönlich bereichert.

Keynote auf der HELGA 2025

Ariane Karbe steht in einer Ausstellung

Beim diesjährigen „Schweizer Fachtreffen für Szenografie und Kommunikation im Raum“ am 14. November halte ich einen Impulsvortrag. Das Treffen widmet sich unter dem Titel „Grenzüberschreitende Erzählungen“ der Grenze als narratives Werkzeug. Ich werde darüber sprechen, welche Art von Geschichten ich in Museen sehen und auch selbst erzählen möchte und welche (professionellen, persönlichen, erzählerischen) Grenzen dafür überschritten werden müssen. Oh là là, je suis excitée!

Die Tagung findet im Schwei­zer Museum für globa­les und zeit­ge­nös­si­sches Design, dem mudac, in Lausanne statt. Ich habe dort gerade auf der Website entdeckt, dass das mudac als einen seiner Werte den Wagemut nennt. Das passt!